14 Reise- und Wandervorschläge (Auszug)
von Georg Hromadka
Was ist das Auto? Ist es ein Möbelstück, das man zwar, aus begreiflichen Gründen, nicht in die Wohnung hereinnimmt, aber doch so platziert, dass jeder merkt: Es gehört zu unserm Inventar? Ist es eine Errungenschaft, mit der man sich den ländlichen Verwandten zeigt: Seht, wie weit wir es schon gebracht haben? Ein Freizeit-Hobby, ein Gegenstand, an dem es täglich was zu basteln gibt? Ein Vehikel, das uns rasch an den Truthahn und den Wein für die Feiertage heranbringt? Eine Maschine, deren wichtigster Bestandteil der Gashebel ist? Oder ist es das wunderbare Mittel, das uns Fernliegendes nahe rückt, uns Welt erleben lässt – mehr Welt?
Sie sind im Banat (in Temesvar oder in Reschitza) zu Haus und wollen mit Ihrem Wagen ans Meer – über Bukarest natürlich. Den kürzesten Weg kennen Sie, und Sie haben ihn sicher auch schon mehrmals gemacht: Karansebesch-Caransebeş – Turnu-Severin – Craiova – Piteşti (oder Roşiori) – Bukarest. Gewiss werden Sie den üblichen Abstecher nach Herkulesbad-Băile Herculane nicht versäumen. Abstecher sind schön. Jedes Mal. Schon weil sie die Eintönigkeit langer Strecken durchbrechen.
Gewiss werden Sie am Eisernen Tor einen kleinen Halt machen: um zu sehen, wie weit die Arbeiten auf unserer landesgrößten Baustelle gediehen sind. Dann aber nehmen Sie sich ein bisschen Zeit. Sie fahren nicht nach Craiova, sondern biegen bei Filiaşi links ab. Sie müssen sehen, was Constantin Brâncuşi (der Oltenier, der die Bildhauerei unseres Jahrhunderts entscheidend beeinflusst hat) für die Stadt Târgu-Jiu geleistet hat. Sie müssen seine Werke sehen: im Kulturpark am Schil das „Tor des Kusses“ („Poarta sărutului“), die „Allee“ („Aleea scaunelor“) und die „Runde des Schweigens“ („Masa tăcerii“). Die berühmte „Endlose Säule“ („Coloana infinitului“) steht am Stadtrand an der Straße. Sie kann nicht übersehen werden.
Nun werden Sie natürlich nicht umkehren, sondern auf dem vor wenigen Jahren gebauten Asphaltweg nach Râmnicu-Vâlcea weiterfahren. Was es dabei zu sehen gibt? Viel. Vor allem einmal: Die Straße läuft mit der Paring-Căpăţâna-Gebirgskette parallel, sodass Sie lange Zeit und ununterbrochen die Aussicht auf eine Reihe imposanter Zweitausender genießen. Ob Sie nach Baia de Fier hineinfahren und die „Weiberhöhle“ („Peştera muierii“) besichtigen, die einzige vollständig beleuchtete Höhle Rumäniens, hängt ganz von Ihren Zeitreserven ab.
Wenig Zeit kostet der Abstecher in Richtung Nord nach Polovragi und zur Olteţ-Klamm. Lassen Sie sich im Kloster von Polovragi die an die Außenwand der Kirche gekritzelte Handschrift Tudor Vladimirescus, des Pandurenführers, zeigen. Es lohnt sich, in die Klamm vorzustoßen: wenigstens bis zur berühmten Höhle. (Bemerkenswert am Schluchteingang die in den Fels gehauenen Mönchsklausen.) Östlich von Horezu zweigt wieder eine Straße nach links ab: zum Kloster Horezu. Das dürfen Sie nicht versäumen: Horezu (das Kloster) ist als Gesamtanlage das Schönste, was die Brâncoveanu-Kultur des 17. und 18. Jahrhunderts hervorgebracht hat.
Ob Sie von der Asphaltstraße nach Bistriţa (architektonisch weniger interessantes Kloster aus dem vorigen Jahrhundert mit Tattarescu-Gemälden; Klamm) einbiegen oder gar zum Arnota-Kloster (Stiftung Matei Basarabs mit dem Grab des Stifters), das wie ein Adlerhorst in den felsigen Hang gebaut ist, hinaufsteigen (zu Fuß, denn die Straße ist schwer), hängt wiederum von Ihrem Zeitkapital ab.
Weiter führt die Asphaltstraße: vorbei an Govora (Heilbad, Kloster) und am Sodawerk desselben Namens nach Râmnicu-Vâlcea am Alt-Olt (Capela-Hügel mit Heldendenkmal), Râmnic (landeswichtiges Chemiezentrum) liegt, das wissen Sie, am Südausgang des Altdurchbruchs (Roter-Turm-Pass).
Auf dem Weg nach Piteşti überqueren Sie den einst von den Fahrern so gefürchteten „Dealu Negru“. Piteşti hat sich zum bedeutenden Industriezentrum entwickelt: Erdöl, Holzerzeugnisse, Chemiefabrikate und vor allem unser PKW „Dacia“ drücken der architektonisch völlig umgekrempelten Munizipalstadt den Stempel auf.
Es bleibt Ihnen überlassen, ob Sie nun von Piteşti noch nach Curtea de Argeş (Hofkirche aus dem 15. und Bischofskirche aus dem 16. Jahrhundert – zwei der bedeutendsten Kulturdenkmäler des Landes, Brunnen des Manole, des legendären Baumeisters der Bischofskirche) und weiter hinauf, durch eine wild-schöne Landschaft, zum Vidraru-Stausee (Asphalt) fahren oder es vorziehen, in Richtung Südost der Hauptstadt zuzusteuern.
Die 2. Reise führt fast ausschließlich durch die Dörfer des siebenbürgischen Hochlandes, ich habe sie nicht berücksichtigt. (F. K.)
Ziehen wir nun den zweiten, weit größeren Kreis. Wieder gehen Sie in Kronstadt an den Start. Über Neustadt-Cristian (stark befestigte Kirche mit neun erhaltenen Wehrtürmen) kommen Sie nach Rosenau-Râşnov, das sich in den letzten zwei Jahrzehnten zur Industriestadt entwickelt hat (Chemiebetriebe, Werkzeugfabrik, Neubauviertel). Bedeutendster Anziehungspunkt ist die Rosenauer Bauernburg (ursprünglich wohl ein Stützpunkt des Deutschritterordens; die Feste wurde von den Rosenauern, Neustädtern und Wolkendorfern in eine große und starke Bauernburg verwandelt; in Zeiten der Bedrängnis wohnten die Bauern familienweise in kleinen Häuschen innerhalb der Burgmauern). Die Burg steht auf einem Felshügel. Sie ist gut erhalten. Besonders sehenswert ist ein 86 Meter tiefer Brunnen. Die Aussicht ist großartig: Man überblickt Rosenau und einen Teil des Burzenlands, sieht den Schuler, den Königstein, die Butschetsch-Nordhänge. Zwei Rosenauer Kirchen verdienen Ihre Aufmerksamkeit: die evangelische (um 1400 erbaut, romanische und gotische Stilelemente) und die alte orthodoxe (eine walachische Stiftung des 14. Jahrhunderts).
Die Törzburg (Schloss Bran) ist Ihr nächstes Ziel. Törzburg: Ursprünglich stand hier eine um 1220 errichtete Grenzfeste des Deutschritterordens („Dietrichstein“). Nach dem erzwungenen Abzug des Ordens verfiel die Burg. 1377 bauten die Kronstädter sie erneut auf. Die mehrfach restaurierte Törzburg zählt dank ihrer Lage, ihrer Größe, ihrem Baustil zu den eindrucksvollsten Kulturdenkmälern des Landes. Im Schloss ist heute ein Museum feudaler Kunst eingerichtet. Ein historisch-soziales Gegenstück dazu: das kleine Freilichtmuseum am Fuß des Burgfelsens (Bauernwirtschaft). In Burgnähe sind die mittelalterlichen Mauthäuser zu sehen.
Was nun folgt, gehört zu den schönsten, erlebnisreichsten Landschaftsbildern Rumäniens: der Abschnitt Törzburg-Bran – Rucăr. Der Anstieg zur Passhöhe (1240), die Aussicht auf die hohen Gebirge ringsum (Butschetsch im Osten, Königstein im Nordwesten, Iezeru-Păpuşa im Westen), der Abstieg ins schluchten- und höhlenreiche Gebiet der Dâmboviţa und weiter nach Rucăr, die Unzahl geologischer, historischer und folklorischer Erscheinungen, denen man auf Schritt und Tritt begegnet – das alles begeistert selbst das sprödeste Touristenherz.
Câmpulung, die erste Stadt, der Sie auf der Südseite der Karpaten begegnen, war im 14. Jahrhundert vorübergehend Hauptstadt der Walachei. Den Grundstein zum Kloster Negru Vodă hat der legendäre Fürst Radu Negru gelegt. Den Fürstensitz hat Matei Besarab 1635 bauen lassen. Die Kürschnerkirche („Şubeşti“) und die Hofkirche sind weitere Sehenswürdigkeiten. Von der Anwesenheit des Deutschritterordens zeugt der jüngst restaurierte Glockenturm mit dem Grab des 1300 verstorbenen Ritters Laurentius von Campolongo (Longocampo, Langenfeld).
Piteşti folgt (siehe Route 1). Über den bereits besprochenen Weg (Dealul Negru) gelangen Sie nach Râmnicu-Vâlcea (beachten Sie, ehe Sie die großen Serpentinen des Dealul Negru absolvieren, die Fernsicht auf die felsgezackte Cozia und ihr nicht weniger zernagtes Gegenüber, das Căpăţâna-Gebirge). Dem stattlichen Altfluss entlang fahren Sie nun nordwärts: durch Călimăneşti (stark besuchtes Heilbad) und den Kurpark Căciulata (zahlreiche Heilquellen) zum unmittelbar am Alt gelegenen, vielbesungenen Kloster Cozia. Die Klosterkirche ist eine Stiftung Mirceas des Alten. Sie wurde 1380 – 1386 erbaut. Constantin Brâncoveanu ließ sie erweitern und mit Fresken schmücken (Wandgemälde auch aus dem 14. Jahrhundert). Mircea der Alte und die Mutter Michaels des Tapferen sind hier begraben.
Hinter Cozia befahren Sie einen der mächtigsten Karpatendurchbrüche, den Roten-Turm-Pass. Bei Brezoi mündet der Lotru in den Alt. Im Lotru-Tal wird an einem riesigen Stau- und Kraftwerk gearbeitet. Ein Touristenzentrum ersten Ranges wird hier entstehen. Ehe Sie des Roten Turms am oberen Ende des Engpasses ansichtig werden, fahren Sie am „Turnu Spart“, einer Rundturmruine, vorbei. Über den Roten Turm selbst wird erzählt, er sei bei einer Schlacht zwischen Sachsen und Türken 1493 mit dem Blut der getöteten Eindringlinge rot gefärbt worden.
Die Landschaft hat sich geöffnet, der Blick ist frei, und Sie sehen im Osten die Fogarascher Berge, im Westen das Zibingebirge. Über Talmesch-Tălmaciu gelangen Sie nach Hermannstadt (siehe Route 2).
Ihr nächstes Ziel ist Mühlbach-Sebeş. Unterwegs berühren Sie Neppendorf-Turnişor (seit dem 18. Jahrhundert aus Österreich eingewanderte Deutsche: „Landler“), Großau-Cristain (auch hier überwiegen unter den Deutschen die Landler; Kirchenburg), Großpold-Apoldul de Sus (Weinbau), Reußmarkt-Mercurea (Kirchenburg) und, etwas abseits gelegen, Urwegen-Gârbova (Burg; schöne Tracht) und Kelling-Câlnic (Bauernburg mit dreifacher Ringmauer).
Mühlbach (im 13. Jahrhundert gegründet) hatte im Mittelalter viel zu leiden. Tataren und Türken setzten der rasch aufblühenden Stadt arg zu. Mühlbach war die erste Stadt Siebenbürgens, die sich eine Festung bauen durfte. Reste der Burg sind heute noch zu sehen. Unter den erhaltenen Türmen ist der „Studententurm“ der berühmteste. An en Turm knüpft sich die wahre Geschichte vom Studenten von Rumes, der 1438 von den Türken in die Sklaverei verschleppt wurde, nach zwanzig Jahren Gefangenschaft aus der Türkei fliehen und sich nach Deutschland durchschlagen konnte. Dort schrieb er ein Buch über die Türken, das zum mittelalterlichen Bestseller wurde (sechzehn Auflagen bis 1500!). Schöne Gotik repräsentiert die an eine romanische Basilika anknüpfende evangelische Kirche (wertvoller spätgotischer Altar). Im reichbestückten Stadtmuseum sind unter anderem alte, in Mühlbach herausgegeben Bücher (Coresi ließ hier drucken) ausgestellt. Nördlich der Stadt leuchtet aus dem Grün der Hügel der Rote Berg („Râpa Roşie“). Versäumen Sie ihn nicht.
Alba Iulia (Weißenburg, Karlsburg) liegt schon im Maroschtal (Miereschtal): inmitten einer berühmten Weingegend. Die Geschichte der Stadt ist reich an Erinnerungen teils erhebender, teils tragischer Art (hier hielt Michael der Tapfere 1599 nach seinem Sieg über Andreas Bathory triumphalen Einzug; hier wurde am 1. Dezember 1918 von Hunderttausenden Volksabgeordneten die Vereinigung Transsilvaniens mit Rumänien feierlich beschlossen; hier wurden die Führer der aufständischen Leibeigenen, Horia und Clocşa, gerädert). Bedeutende Denkmäler: die Burg (an deren Bau 20 000 Leibeigene 24 Jahre lang, 1715 – 1738, arbeiteten), die katholische Kathedrale (13. Jahrhundert, mit späteren gotischen, Renaissance- und Barockelementen), das Bischofspalais (18. Jahrhundert), die orthodoxe Kathedrale (20. Jahrhundert), die Batthyány-Bibliothek („Batthyáneum“).
Falls Sie keine Lust haben, einen Abstecher zur malerischen Thorenburger Schlucht (Cheile Turzii) zu machen (über Câmpia Turzii, einen bedeutenden metallverarbeitenden Industrieort, und Thorenburg-Turda mit Zement-, Glas-, Chemieproduktion und alten Kulturdenkmälern), steuern Sie direkt nach Klausenburg. Die zweitgrößte Stadt Rumäniens ist ein gewichtiges, traditionsreiches Wirtschafts- und Kulturzentrum. Im Vierteljahrhundert der Volksmacht ist es industriell, aber auch, architektonisch stark ausgebaut worden (erwähnen wir nur das Studentenstädtchen). Klausenburg hat viele Museen. Bedeutendste Denkmäler: die Michaelskirche (1396 – 1462, gotisch) mit dem Matthias-Standbild davor, die Schneiderbastei der Burg, das Kloster Mănăştur (gotisch), Barockgebäude im Zentrum, das Nationaltheater (20. Jahrhundert). Ans Universitätsviertel schließt sich der ausgedehnte Botanische Garten an: der schönste, größte und reichste des Landes.
Dem Kleinen Somesch entlang setzen Sie Ihre Reise in Richtung Dej fort: mit dem ferneren Ziel Bistritz. Sie fahren durch Gherla (Holzindustrie, Teppiche; Festung aus dem 16. Jahrhundert, armenische Kirche im Barockstil). Die Landschaft ist hügelig (viel Obstbau) und großatmig.
Sie kommen nach Dej (schöne Lage am Zusammenfluss der beiden Somesch; Holzverarbeitungskombinat, Neubauviertel), wo Sie vielleicht die beiden wichtigsten Baudenkmäler, die kalvinische Kirche (Gotik) und die Franziskanerkirche (Barock) besichtigen.
Weiter geht der Weg über Beclean und Sărăţel nach Bistritz, dem nördlichsten Ziel Ihrer Reise. Bistritz (alter deutscher Name: Nösen), äußerst malerisch gelegen, „Hauptstadt“ des einstigen Nösnerlands, Mittelpunkt eines der obstreichsten Gebiete Rumäniens (Äpfel, Trauben), schon im 12. Jahrhundert als Handels- und Gewerbezentrum belegt (später reger Handelsautausch mit der Moldau), hat bedeutende Kulturdenkmäler: die evangelische Kirche (vorwiegend gotisch, wertvolle Innenausstattung) besitzt einen Glockenturm, der mit seinen 75 Metern Höhe mit den Türmen von Mediasch und Hermannstadt erfolgreich rivalisiert, die ehemalige Franziskanerkirche (orthodox), den Arkadengang „Unterm Kornmarkt“, den Fassbinderturm (zur einstigen Burg gehörig), das jüngst restaurierte Goldschmiedehaus. Einen lohnenden (und erholsamen) Abstecher machen Sie, wenn Sie von Bistritz aus den Luftkurort Kolibitza-Colibiţa am fuß des Căliman-Massivs besuchen – falls Sie nicht eine Stippvisite in die nah gelegenen Weinberge vorziehen. Bei der Weiterfahrt nach Regen-Reghin müssen Sie einige Kilometer nichtasphaltierter Straße in Kauf nehmen. Regen: heute ein Zentrum hochwertiger Holzverarbeitung (Instrumenten- und Bootsbau vor allem), romanische Basilika.
Târgu-Mureş im oberen Maroschtal: ein bedeutendes Industriezentrum (Möbelfabrik, Zuckerfabrik, Chemiekombinat, Wärmekraftwerk), eine schöne Stadt, ein altes Wirtschafts- und Kulturzentrum. Architektonisch bedeutend der Hauptplatz (alter Marktplatz mit Promenade), das Kulturpalais (mit Spiegelsaal), die Burg (14. und 17. Jahrhundert) und darin die reformierte Kirche (gotisch). Die Teleki-Bibliothek (hochinteressantes Buchmuseum) besitzt über 400 000 Bände; wertvolle alte Handschriften, Inkunabeln („Wiegendrucke“, das sind Drucke aus dem 15. Jahrhundert, in dem der Buchdruck erfunden worden ist).
Sovata, das bekannte Heilbad an der Kleinen Kokel (mit Salzberg und Salzseen, darunter der berühmte „Bärensee“), ist Ihr nächstes Ziel. Über Praid, einen kleinen Badeort, fahren Sie nach Odorhei-Odorhei Secuiesc, ein nettes Städtchen am Auslauf des Harghita-Gebirges. Darauf folgt wiederum ein landschaftlicher „Schlager“: die Überfahrt über den Vlahiţa-Pass. Durch hochgelegene, hohe Nadelwälder führt der schöne Asphaltweg. Ehe Sie Miercurea Ciuc erreichen, zweigt auf Passhöhe eine asphaltierte Chaussee nach links ab. Sie führt hinauf nach Bad Harghita (Heilquellen, Mofetten, Schutzhütte), einer guten Basis für Ausflüge auf die Kuppen und Kegel des Harghita-Massivs, das zur großen Kette der Trachytgebirge vulkanischen Ursprungs gehört. Von Miercurea Ciuc fahren Sie (nun im oberen Alttal) Kronstadt zu. Was Sie unterwegs sehen, wird von Ihnen, davon sind wir überzeugt, mit „erster Güte“ ausgezeichnet: die bewaldeten, zum Teil recht steilen, felsigen Höhen links und rechts, der schöne Flusslauf und, nicht zuletzt, der sympathische Kurort Tuschnad-Tuşnad (Trink- und Badekuren nicht nur in Tuschnad allein, sondern im ganzen Abschnitt zwischen Miercurea Ciuc und Sf.-Gheorghe; förmlich übersät mit Sauerbrunnen und Schwefelquellen ist das ganze Gebiet). Vielleicht entschließen Sie sich sogar zu einer nicht zu schweren Fußtour von Tuschnad aus auf gemütlichem Serpentinenpfad zum Annensee. Der See liegt 950 Meter hoch in einem kraterartigen Kessel (Schutzhütte). Dass es sich um einen Kratersee handelt, wird angezweifelt.
Über Sf.-Gheorghe (Textilindustrie), Tartlau-Prejmer (Kirche aus dem 13., Wehrburg aus dem 15. Jahrhundert), Honigberg-Hărman (Kirche 1311, Befestigung 15. Jahrhundert) kehren Sie nach einer langen, aber erlebnisreichen Autotour nach Kronstadt zurück.
Nehmen wir an, Sie sind Gast der Hauptstadt und wollen von hier aus eine Quer-durchs-Land-Reise mit dem Auto machen. Zur Riesenbaustelle am Eisernen Tor und zum Kasanpass? Dann raten wir Ihnen, die bei Route 1 beschriebene Strecke in Ost-West-Richtung zu machen. Zu den Klöstern im Norden des Landes? Die Idee ist gut, und wir schlagen Ihnen folgende Route vor (die kürzeste und ereignisreichste zugleich):
Über Ploieşti (Zentrum der rumänischen Erdölindustrie mit modernen Raffinerien und einem Werk für Bohrausrüstung, dessen Erzeugnisse auf dem Weltmarkt guten Ruf genießen) oder an Ploieşti und am Chemiekombinat Brazi vorbei (Ausweichstraße) kommen Sie nach Câmpina am Südrand der Karpaten (bedeutende Erdölgewinnung und –verarbeitung). Bevor Sie Câmpina erreichen, beachten Sie links vom Weg das Denkmal für Aurel Vlaicu, einen Pionier des Flugwesens, der bei seinem zweiten Flug über die Karpaten 1919 hier abgestürzt ist. Von Câmpina aus führt eine Asphaltstraße in Richtung Ost nach Doftana. Das berüchtigte Gefängnis von Doftana war bis 1940 die Hauptstrafanstalt für kommunistische und antifaschistische Häftlinge. Im November 1940 stürzte es bei einem schweren Erdbeben ein und begrub zahlreiche Eingekerkerte unter den Trümmern. Heute ist im ehemaligen Gefängnis ein Museum eingerichtet.
In Câmpina steht an der Straße, die aus der Stadt herausführt, das Gedenkhaus „Nicolae Grgorescu“, das an den 1907 verstorbenen großen rumänischen Maler erinnert. Bei Comarnic und noch entschiedener bei Posada verengt sich das Prahovatal. Die Chaussee wird zur Bergstraße: in unzähligen Windungen steigt sie am Westhang des Gârbova-Gebirges hinan (übrigens: Vorsicht ist hier besonders geboten). Von der Raststätte „Izvorul Rece“ („Kalter Brunnen“) genießen Sie den ersten substantiellen Ausblick auf das Butschetsch-Massiv (über 2500 Meter hoch), wenngleich die gewaltigen Felsabstürze des Caraiman und der Coştila noch nicht zu sehen sind. Die Straße fällt leicht ab. Sie erreichen Sinaia, die mondänste Kurstation im Prahovatal. Sehenswürdig ist hier das Kloster im Brâncoveanu-Stil (1695) und das ehemalige Königsschloss Peleş (um 1880 erbaut; Mischstil). Sie dürfen sich einen Abstecher leisten: zum Hotel „Alpin“ (Cota 1400), von wo Sie sich, wenn Sie Lust haben, mit dem Sessellift in 2000 Meter Höhe hieven lassen können – zweifellos ein lohnendes Unternehmen. Poiana Ţapului, ein kleiner, Buşteni, ein größerer Luftkurort, folgen. (Buşteni: wichtige Basis für Butschetsch-Wanderungen, besonders auch für alpine Touren; die nah gelegenen Wände des Caraiman und der Coştila sind ideales Klettergebiet.) Azuga, der nächste Ort, ist wegen seines ausgezeichneten Biers bekannt (auch Glas, Zement). Wieder steigt die Straße an: zum Predeal-Pass (über 1000 Meter). Predeal ist die höchstgelegene Stadt Rumäniens und die höchste Eisenbahnstation des Landes (neben Sinaia wichtigster Luftkurort des Prahovatals und bedeutendes Wintersportzentrum). Während im Prahovatal die altrumänische Bauweise überwiegt (moderne Gebäude fehlen nirgends), wiegt in den Erholungsorten das nach steilem Abfall von der Passhöhe folgenden Tömöschtals (Valea Timişului) der Fachwerkstil vor. Die Stationen heißen: Obertömösch, Untertömösch (mit Dâmbu Morii, 700 Meter). Die Tömösch bahnt sich den Weg zwischen zwei 1800-Meter-Massiven: dem Schuler-Postăvaru und dem Hohenstein-Piatra Mare.
Kronstadt folgt. Sie schlagen den Weg ein, der Sie ins obere Alttal führt. Für den folgenden Streckenabschnitt (Kronstadt – Miercurea Ciuc) siehe Route 3. Ihr nächstes Ziel ist Gheorghieni. Um dahin zu gelangen, überqueren Sie die Wasserscheide zwischen Alt und Marosch (891 Meter Höhe) bei Izvoru Mureşului. Noch ehe Sie den Übergang erreichen, bietet sich Ihnen ein doppeltes Panorama dar: im Westen das Harghita-Gebirge (dunkel, fichtenbewaldet), im Norden die weitgestreckten, leuchtenden Kalkwände der Hăghimaş-Gruppe, aus deren Mitte deutlich erkennbar der Einsame Stein (Piatra Singuratecă) herausragt. Der Blick braucht nicht nur in die Ferne zu schweifen: efrischend-schön ist das Nahgelegene. Die Fichte wiegt vor: ob in kompakten Wäldern oder über welligen Wiesengrund zerstreut.
Gheorghieni (vorwiegend Holzindustrie) ist Ausgangspunkt einer der schönsten (wegen des schwierigen Geländes leider nicht auch allerbesten) Straßen Rumäniens: die Straße, die über Lacul Roşu (Gyilkos-See) durch die Bicaz-Klamm (Rumäniens berühmteste Schlucht) zum Bicaz-See dem größten Stausee des Landes) führt. Auch das muss man gesehen haben: den stark ausgebauten, gut bewirtschafteten Luftkurort Lacul Roşu mit seinem „Mördersee“ inmitten einer bizarren Kalkfelsenlandschaft, den „Altarstein“, die Bicaz-Klamm mit dem düster-kühlen „Höllenschlund“ (man muss hindurch...), die erste moldauische Stadt auf dieser Route, Bicaz (Großkraftwerk, Holz, Zement; bedeutendes touristisches Zentrum: Stausee, Ceahlău-Massiv). Von Bicaz reisen Sie nach Piatra Neamţ. Wohlgemerkt: nicht bevor Sie zum nahen Stausee hinaufgefahren sind, zum „Meer von Bicaz“. Sie werden von der Einheit Gebirge – See, die der Mensch hier geschaffen hat, erstaunt und erbaut sein. 35 Kilometer lang ist der See, der sich am Fuß des sagenumwobenen, mit Felsen reich geschmückten Ceahlău (1904 Meter) hinzieht. Am großen Kraftwerk und an kleineren Stauseen vorbei führt der Weg nach Piatra Neamţ. Völlig umgekrempelt hat man den Ort in den letzten zehn Jahren. Die alten Kulturdenkmäler (bedeutende, von Stefan dem Großen gestiftete Johanniskirche, berühmter Glockenturm) stehen fast alle im Rahmen moderner Blockbauten.
Nun wenden Sie sich nordwärts. Das Ziel heißt Târgu-Neamţ. Bevor Sie die Stadt erreichen, zweigen Sie zweimal nach links ab: einmal nach Văratec (Kloster mit Erinnerungen an Mihail Eminescu, den größten rumänischen Dichter; hier ruht Veronica Micle, Eminescus Freundin), das andere Mal nach Agapia (Kloster mit Fresken von der Hand Nicolae Grigorescus).
In Târgu-Neamţ besichtigen Sie vor allem das Geburtshaus von Ion Creangă, dem großen Erzähler, im Viertel Humuleşti. Ein Aufstieg zu den Ruinen der Neamţu-Burg (14. jahrhundert) lohnt sich schon wegen der Weitsicht. Was unbedingt gesehen werden muss: Kloster Neamţ (16 Kilometer westlich der Stadt), ein wahrer Komplex alter Bauwerke (14. und 15. Jahrhundert). In der Feudalzeit war Kloster Neamţ ein Brennpunkt rumänischer Kultur.
Zurück nach Târgu-Neamţ. Darauf in Richtung Ostnordost bis Moţca. Hernach nordwestwärts, dem Moldova-Fluss entlang, nach Fălticeni und von hier nach Suceava.
In Suceava befinden Sie sich auf dem Boden der Bukowina (Nordmoldau), einer Landschaft mit besonderem Gepräge: im Allgemeinen sanftlinig (nur im südlichen Rarău kommen schroffe Felsgebilde vor), stark bewaldet (Nadelhölzer überwiegen), und saubere Almen fehlen nicht. Wohltuend ist hier der Einklang zwischen den Werken der Natur und dem, was der Mensch hervorgebracht hat, und überhaupt: zwischen Natur und Mensch.
Suceava kann mit allen Bauwerken aufwarten. Das Bild der Stadt wird aber vorwiegend vom Neuen geprägt: von den modernen Wohnvierteln und den beiden großen Kombinaten: dem holzverarbeitenden und dem Papier- und Zellulosekombinat. Bedeutendste Sehenswürdigkeit sind die ansehnlichen Ruinen der Burg (14. Jahrhundert, von Stefan dem Großen im 15. Jahrhundert stark befestigt). In moldauischem Stil (einheimische Elemente, kombiniert mit gotischen und byzantinischen Stilelementen) ist die Georgsklosterkirche gebaut (wertvolle Fresken). Aus dem 16. Jahrhundert (Petru Rareş) stammt die Dumitru-Kirche (mit einem von Alexandru Lăpuşneanu 1561 gestifteten Campanile). Elena Rareş ließ 1551 die Auferstehungskirche, Vasile Lupu 1643 die Johanniskirche errichten. Am erhöhten Stadtrand finden Sie das befestigte Kloster Zamca (16. Jahrhundert). Zwölf Kilometer nördlich von Suceava steht das Kloster Dragomirna. Fahren Sie hin. Die Klosterkirche beeindruckt schon durch ihre seltsamen Proportionen: Se ist 42 Meter hoch und nur 9,6 Meter breit!
Von Suceava fahren Sie in Richtung Radautz-Rădăuţi den Suceava-Fluss entlang weiter. Wir raten Ihnen: Biegen Sie bei Miloşăuţi links ein (Asphaltweg) und besuchen Sie Arbore (Anfang des 16. Jahrhunderts), eine der fünf innen und außen mit wertvollen Wandmalereien geschmückten Klosterkirchen der Bukowina (die andern vier: Voroneţ, Humor, Suceviţa, Moldoviţa).
Radautz (vorwiegend Holzverarbeitung) zeigt Ihnen die alte romanisch-gotische „Bogdana“ (die von Bogdan dem Ersten Mitte des 14. Jahrhunderts erbaute Nikolauskirche). Sie steht am Anfang einer bedeutenden Stilentwicklung.
Unweit von der Landesgrenze, mitten in einer typisch nordmoldauischen Landschaft (die so aussieht, als würde hier täglich oder wenigstens wöchentlich einmal reingemacht...), steht das berühmte befestigte Kloster Putna, eine Stiftung Stefans des Großen. Der Fürst ist hier begraben. Weitere Anziehungspunkte in Putna: die Holzkirche des Dragoş und die in einen Felsen gehauene Einsiedelei des Daniil Sihastru.
Bei Ihrer Rückfahrt biegen Sie bei Vâcovu de Jos zwischen Putna und Radautz nach rechts in Richtung Marginea ab. Von Marginea führt eine gut gebaute, aber nicht asphaltierte Straße südwestwärts nach Suceviţa (befestigtes Kloster aus dem 16. Jahrhundert mit Innen- und Außenfresken) und weiter nach Moldoviţa (16. Jahrhundert, Innen- und Außenfresken). Ein Erlebnis ist die Landschaft: Sie überqueren die bewaldeten Höhenzüge der Obcina Mare.
Von Moldoviţa wenden Sie sich ungefähr südwärts Pojorâta zu, wo Sie die Asphaltstraße Vatra Dornei – Suceava erreichen. Sie fahren ostwärts weiter: durch das malerische Câmpulung Moldovenesc (Luftkurort, Touristenzentrum; Aufstieg zum Rarău) nach Gura Humorului (Forstunternehmen, nette Neubauten im „neuen Bukowina-Stil“). Von hier wenden Sie sich erst nach Norden. Ihr Ziel ist das schön (und still) gelegene Kloster Humor (1530, Innen- und Außenfresken).
Zurück nach Gura Humorului. Nun steuern Sie das fraglos wichtigste Objekt Ihrer Bukowinareise an: Voroneţ. Die Ausländer nennen die Georgskirche des Klosters Voroneţ, eine Stiftung Stefan des Großen, wegen ihrer gut erhaltenen und hochwertigen Innen- (15. Jahrhundert) und besonders Außenfresken (16. Jahrhundert) die „Sixtina des Ostens“. Tatsächlich wird der Besucher von der Vielfalt, der vitalen Kunst und der Farbenpracht des Dargestellten überwältigt. Sie werden nicht minder beeindruckt sein – besonders von der Westwand mit dem Jüngsten Gericht, von der Sie sich nicht eher trennen werden, bis Sie sie nicht mit allen ihren köstlichen Details auf dem Zelluloidstreifen festgehalten haben. Sie müssen wissen: Das alles haben rumänische, aus dem Bauerntum hervorgegangene Meister gemalt – mit Farben, die mehr als vierhundert Jahre dem Wetter widerstanden haben (eins der größten Wunder von Voroneţ).
Nun wenden Sie sich westwärts (über Câmpulung, den 1099 Meter hohen Păltiniş-Sattel, das Bergwerkszentrum Jakobeny-Iacobeni) dem größten Bade- und Luftkurort des Nordens zu: Vatra Dornei. Was tun in Vatra Dornei? Vor allem: ausspannen, die gute Luft, die angenehme Landschaftsstimmung und das gesetzt-lebhafte Treiben genießen.
Es bleibt Ihnen überlassen, zu entscheiden, ob Sie über den Tihuţa-Pass (Asphaltstraße im Bau) nach Siebenbürgen (Bistritz) hinüberschwenken oder über Suceava, Piatra Neamţ, Bacău, das Chemiezentrum Gheorghiu-Dej (das frühere Oneşti), den Oituz-Pass und Kronstadt nach Bukarest zurückkehren. Oder: Sie haben Vertrauen in Ihren Wagen und wählen den nichtasphaltierten, sonst aber solid gebauten, an Naturbildern jedenfalls reichen Weg, der über Cârlibaba der Goldenen Bistritz entlang zum Prislop-Sattel (1414) hinauf und dann im Wischauer Tal quer durch die Maramuresch nach Sighetul Marmaţiei führt, von wo Sie durch das folklorisch bedeutsame Oascher Land (Ţara Oaşului) über den Gutin-Sattel nach Baia Mare und hinein nach Siebenbürgen gelangen.
Es könnte sein (obwohl es absurd klingt), dass Sie früher als geplant „des Meeres und der Liebe Wellen“ überdrüssig werden, dass Sie für ein paar Tage wenigstens das Landschaftsdekor zu wechseln wünschen, und zwar möglichst radikal. Wenn Sie glauben, dass dafür eine Reise ins Donaudelta unzureichend oder (wegen des Wagens) beschwerlich ist, dann schlagen wir Ihnen vor, nach Piatra Neamţ auszureißen: über Vadu Oii (neue Donaubrücke), Ţăndărei, Bărăgan, Brăila (alte Donauhandelsstadt). Galatz-Galaţi (Schwerpunkt unserer Hüttenindustrie, Schiffbau), Tecuci, Mărăşeşti (Mausoleum für die Gefallenen des ersten Weltkriegs), Adjud, Bacău (Metallurgie, Papier und Zellulose, Bekleidungswaren). Von Piatra Neamţ aus befahren Sie dann die Gegend um Bicaz (Stausee, Klamm, Klöster usw. – siehe Route 4).
Oder: Sie machen bei Adjud einen Schwenk nach links: Gheorghiu-Dej, Oituz-Pass, Kronstadt.
Oder: Sie fahren von Galatz über Brăila, Buzău, Ploieşti, durchs Prahovatal (mit Sinaia, Buşteni, Predeal) nach demselben Kronstadt.
Meinen Sie nicht auch, dass es eine Eisenbahnromantik gibt? Dass es sie heute noch gibt, jene Romantik des Mit-der-Bahn-Fahrens, die uns hochstimmte und begeisterte, als wir die erste größere Zugstrecke erlebten, die erste Bahnreise auf ein fern gelegenes Ziel zu – dem ersten großen Bergabenteuer entgegen?
Wir wissen nicht, wie es Ihnen zumute ist, wenn ein Zug an Ihnen vorbeibraust, und auf den Waggonschildern steht zu lesen (in roter Schrift, denn es ist ein Schnellzug): ...Suceava – Câmpulung Est – Vatra Dornei. Oder: ...Baia Mare – Satu Mare. Oder: ...Piatra Olt – Sibiu. Oder: ...Băile Herculane – Caransebeş – Timişoara. Überfällt Sie nicht das Fernweh? Wird es Ihnen nicht warm ums Herz, wenn Sie einen Zug durch die Nacht rattern hören, der im Morgengrauen in Predeal, in Dărmăneşti oder Petroşeni halten könnte? Denken Sie nicht an Ihre Berge? Und sind Sie nicht glücklich, wenn Sie selbst im Zug sitzen und die Rucksäcke im Netz sehen? Und wissen: Morgen früh geht’s los – zu Fuß und gipfelwärts? Und wenn Sie am Waggonfenster stehen, die Landschaft vorübereilen lassen (je näher die Dinge liegen, um so eiliger haben sie es) und die würzige Luft in vollen Zügen genießen – kommt es Ihnen dann nicht vor, als wären Sie plötzlich ein anderer Mensch geworden (nicht besser, aber besser gelaunt, und das ist viel)?
Es gibt eine Eisenbahnromantik. Und sie ist nicht allein an die schnellen Züge gebunden. Es gibt eine „Sonderromantik“: die der gemächlichen Lokalzüge, der Schmalspurbahnen, der Waldbahnen, die, mögen sich ihre kleinen Lokomotiven noch so anstrengen, mögen sie noch so pusten (und so tun, als wollten sie im nächsten Augenblick schon die Schallmauer durchbrechen), über ein gemütliches Tempo nicht hinauskommen.
Von ihnen wollen wir sprechen: von den kleinen, schmalspurigen Bummelzügen. Und von den Waldbahnen, die manchmal zwei, drei Waggons für Passagiere mitführen: für Reisende, die, wie der Rumäne sagt, „ein Wasser und eine Erde sind“ – Bauern, Waldarbeiter, Touristen. Meist fahren die kleinen Bahnen über schwieriges Gelände, in entlegene Gegenden. Umso schöner, abenteuerlicher ist die Fahrt.
Königin der schmalspurigen Bummelbahnen ist fraglos die „Mocăniţa“ (die „Bergbäuerin“). Sie verkehrt im Westgebirge zwischen Turda (Thorenburg) und Abrud. Von Turda bis Câmpeni läuft sie mit dem „goldenen“, tatsächlich goldtragenden Arieş parallel. Viereinhalb Stunden braucht das Züglein für die 94 Kilometer seiner Strecke. Unschwer, die durchschnittliche Fahrgeschwindigkeit zu errechnen: 20 Kilometer in der Stunde. Siebzehnmahl macht die „Mocăniţa“ Station, bevor sie in Abrud einläuft.
Nachdem wir die Stadt Turda und die Thorenburger Schlucht („Cheile Turzii“, von Turda aus leicht zu erreichen) besucht haben, steigen wir auf dem Turdaer Bahnhof in den Minizug. Westwärts fahren wir. Anfangs ist nichts Außergewöhnliches zu sehen, aber schon bei Buru (18 km) tut sich eine Welt auf, die (wir finden keinen besseren Ausdruck) immer phantastischer wird, je weiter wir den Goldfluss hinauffahren. Zu beiden Seiten bauen sich grauweiße, grauviolette Felsen auf. Links besonders, über dem rechten Arieş-Ufer, leuchten riesige Kalksteinkulissen. Fluss und Tal behalten die großzügige Breite bei; selten, dass Bahn und Straße ins Gedränge kommen. Wie anders es hier aussieht: ganz anders als beispielsweise in den schmalen Klammen der Dâmboviţa-Dâmbovicioara. Nur die Cerna schafft sich manchmal so viel Raum – aber auch sie ist ein völlig anderes Kapitel. (Kennzeichnend für die rumänische Landschaft: Sie wiederholt sich nicht, nirgends.)
Der Riesenaufbau links ist der Bedeleu (höchste Erhebung 1228 m). Bevor wir an die ausgreifenden Krallen des Bedeleu-Drachen herankommen, erhebt sich über der gleichnamigen Ortschaft der Vidolm oder Jidolm (1282). Hier gibt es (für diese Gegend eine Seltenheit) einen ausgedehnten geschützten Lärchenwald. Die Vidolmspitze kann vom Dorf aus in drei Stunden erreicht werden. Auf der anderen Talseite erhebt sich die zerklüftete Jidovina (944).
Ocoliş folgt. Das Dorf liegt, dem „Drachen“ genau gegenüber (welch ein Breitwandpanorama!), am linken Ufer des Arieş. Es ist ein guter Startpunkt für Ausflüge zur Băişoara-Hütte (über Runc, durch die Runc-Klamm, über Lunca Largă und die schönen Obertäler des Ocoliş und der Ierţa) sowie zum Gipfelkomplex Scărişoara-Belioara (1368), einem der interessantesten Berge im Westgebirge, mit überreicher, zum Teil einzigartiger Flora (der Weg führt durch die Pociovaliştea-Klamm und kann bis zur Băişoara-Hütte verlängert werden).
Wie sich die „Mocăniţa“ windet, wie sie sich wendet, wie sie sich bemüht, uns den Bedeleu aus verschiedener Sicht zu zeigen. Wir kommen nach Lunca Arieşului (36 km). Für einen Aufstieg zum vielköpfigen „Drachen“ ist es die beste Basis (über die „Poarta Zmeilor“, das „Teufelstor“ und die Höhle „Peştera de Groşi“ nach Izvoarele). Nun aber folgt der dramatischste Bahnabschnitt. Zwischen Lunca Arieşului und Sălciua de Jos zeigt sich der Bedeleu von seiner bewegtesten, auch vegetationsreichsten Seite. Viel Wasser quillt hier. Höchst eindrucksvoll ist der vom Zug aus gut sichtbare Wasserfall „La Hurducate“.
Poşaga (Station Lunca Arieş) hat zwei Karstquellen („izbucuri“). Periodisch bricht hier die kristallklare Wasserflut hervor. Das Dorf liegt am linken Arieş-Ufer. (Stützpunkt für Ausflüge zur Scăişoara-Belioara und zum 1827 Meter hohen Muntele Mare oder zur Băişoara-Hütte.)
Sălciua de Jos (44 km) ist folklorisch bemerkenswert. Aber auch geschichtlich: Hier wurde nach dem Aufstand von 1784 der Waffenstillstand von den Führeren der Leibeigenen und den Kaiserlichen unterzeichnet. Wanderziele von hier aus: zur „Huda lui Papară“, einer Höhle, aus der das Wasser des Ponor-Bachs nach zweikilometrigem unterirdischem Lauf herausschießt (über die Täler Uncăceşti und Valea Ascunsă zu erreichen).
Ein altes Bergwerkszentrum ist Baia de Arieş (61 km). Schon wegen der berühmten „Kaiserbuche“ (ein mächtiger Baum, dessen Blätter auch im Winter grünen) lohnt es sich, hier abzusteigen.
In Lupşa (70 km), einer der ältesten Siedlungen des Arieş-Tals, gibt es ein originelles Museum. Dorfintellektuelle haben es gegründet. Volkskundliche, wirtschaftsgeschichtliche Exponate stehen neben historischen Dokumenten. Besonders beachtenswert sind die Vorrichtungen, mit denen man einst das Gold aus dem Arieş „gefischt“ hat. Das Kloster von Lupşa stammt aus dem Jahr 1429.
Geologisch ist das Arieş-Tal in diesem Abschnitt weniger spektakulär, aber immer noch reich an Ausblicken: nach Süden, wo Kalkstein, Andesit, Gneis, Granit dominieren; nach Norden, wo neben den Kalksteinbildungen kristalline Formationen auftauchen und im Hintergrund der Muntele Mare erscheint.
Bistra (81 km) hat als Ausflugsbasis Bedeutung (zum Muntele Mare und zur Balomireasa, 1632 m).
Câmpeni (84 km), 550 Meter hoch gelegen, „Hauptstadt des Motzenlandes“, auch touristisch der bedeutendste Knotenpunkt des ganzen Gebiets, blickt auf eine bewegte Vergangenheit zurück. Hier sammelten sich die aufständischen Leibeigenen, die 1784 unter Führung von Horia, Cloşca und Crişan den verzweifelten Versuch unternahmen, das feudale Joch abzuschütteln. Hier hatte auch der Volksheld Avram Iancu (eine Reiterstatue erinnert an ihn) 1848 seinen Stützpunkt. Ein wichtiger Touristenweg führt von Câmpeni den Großen Arieş entlang über Albac, den Heimatort Nicolae Ursus (Horias), über Scărişoara und Gârda de Sus zur berühmten Eisgrotte von Scărişoara (unweit davon die Schutzhütte desselben Namens) und weiter nach Padiş (sehenswertester Teil des Westgebirges: „Cetăţile Ponorului“, „Cetatea Rădesei“ usw.). Ein zweiter Weg führt im Tal des Kleinen Arieş über Vidra und Avram Iancu (das ehemalige Vidra de Sus ist der Heimatort des Revolutionshelden; malerisch gelegenes Avram-Iancu-Gedenkhaus) zum sagenumwobenen Găina-Berg (1486 m; weitberühmtes Volksfest mit „Mädchenmarkt“).
Die „Mocăniţa“ aber führt uns von Câmpeni südwärts weiter: nach Abrud. Ungefähr auf halbem Weg halten wir in Cărpiniş, der Station von Roşia Montană (91 km). In Cărpiniş ist der Bauernführer Cloşca geboren worden. Wir gehen hinauf nach Roşia Montană. Uralt ist das Goldbergwerk. Schon die Agathyrsen gruben hier nach Gold. Die Dazier und die Römer bauten den Betrieb aus. Das saubere Bergarbeiterstädtchen ist allein schon einen Besuch wert. Hinzu kommt der Grubenbetrieb. Schauerlich-großartig aber wirkt die so genannte Römische Burg („Cetatea Romană“), die nichts anderes darstellt als die riesigen, zum Teil eingestürzten Reste des über und über mit Narben (Löchern und Stollen) bedeckten Goldbergs.
Abrud, Bergwerkszentrum mit gleichfalls uralter Tradition, ist Endstation – für die „Mocăniţa“. Für den Touristen ist es Ausgangspunkt einer Bus- und Fußreise zum berühmten Basaltfelsen der „Detunata“ (bis Bucium-Şasa mit dem Autobus, dann gemütlicher Aufstieg zur 1169 Meter hohen „Detunata goală“; höher als diese, 1265 Meter hoch, ist die selten aufgesuchte, fast ganz mit Wald bedeckte „Detunata flocoasă“).
Zurück: entweder über Roşia (nordwestlich der „Detunata“, bequemerÜberlandweg) oder über Bucium nach Abrud. Sie können die Reise fortsetzen und mit unserer folgenden Route verbinden, indem Sie per Bus von Abrud nach Zlatna fahren.
Nun könnten wir an die vorige Route anschließen. Denn auf der Linie Zlatna – Alba Iulia (im Ampoiu-Tal) verkehrt, gleichfalls auf schmaler Spur, die Schwester der „Mocăniţa“. Von ihr wird weniger gesprochen. Sie befährt eine weit kürzere Strecke (38 km). Das Ampoiu-Tal ist auch weit weniger spektakulär als das hochdramatische Arieş-Tal. Und doch: Es ist eine schöne Reise, und es fehlt nicht an Gelegenheiten, die Bahnfahrt mit ertragreichen Fußtouren zu verbinden.
Beginnen wir die Reise in Alba Iulia (nicht ohne vorher die Sehenswürdigkeiten der historischen Stadt in Augenschein genommen zu haben). An den massiven Burgmauern vorbei fahren wir aus der Stadt heraus. Das Ampoiu-Tal hat milde Züge. Von Zeit zu Zeit durchbrechen größere Felsbrocken das Grün der Felder, Heuwiesen und Waldungen. Die Berge sind nicht hoch. Im Norden erreicht der einprägsame Gipfelkegel der Piatra Craivei (wir haben ihn schon in Alba Iulia gesichtet) bloß 1080 Meter, und der Dâmbău-Gipfel im Abschnitt Feneş ist 1369 Meter hoch. Noch niedriger ist der südliche Höhenzug. Das Schöne aber ist, dass die genannten Gipfel unerhörte Ausblicke gewähren: nicht nur auf das Westgebirge, sondern bei gutem Wetter auch auf die Karpaten.
Am besten, wir fahren die Strecke einmal bis ans Ende durch und sehen uns in Zlatna ein wenig um (es riecht hier nach Geschichte: unersättliche Goldgewinnung, Ausbeutung, Unterdrückung, Kampf; aber noch mehr macht sich ein kräftiges Regen bemerkbar: in den großen Betrieben, im Wohnbau). Wir kehren dann mit dem nächsten Zug oder einer Gelegenheit um: nach Feneş, der nächsten größeren Ortschaft. Hier schlagen wir in einem der sauberen Bauernhäuser für ein paar Tage unser Quartier auf.
Von Feneş (Bahnhof) fahren wir mit einer LKW-Gelegenheit durch die Piatra-Caprei-Klamm nach Feneşasa (ausgedehnte Wiesen). Über die Prăjinoasa steigen wir zum Dâmbău (1369), dem Berg, von dem erzählt wird, er halte das Gold verborgen, das die Heiducken einst den Grubenherren abgenommen haben... Der Weg kann „romantisch“ genannt werden: viel Buchenwald, zahlreiche Dolinen (Ponoren), vielerlei Felsgebilde, reiche Flora – und gutes Wasser fehlt auch nicht. Der Abstieg nach Feneş erfolgt in klarer Südrichtung.
Ein zweiter Ausflug: Wieder nach Feneşasa. Von hier Aufstieg in Richtung Nordost (Waldweg) zum Băieşu-(Brăieşu-)Gipfel (1294). Darauf Abstieg in Süd-, dann Südostrichtung zum 916 Meter hoch gelegenen Ighiel-See (Iezeru Ighiel), einem seltenen Naturphänomen (in Kalksteingebieten sind Seen ausgesprochen rar). Weiterer Abstieg zum Waldhaus Ighiel. Mit LKW-Gelegenheit ins Dorf Ighiel. Von hier mit dem Autobus über Ighiu nach Şard, von wo wir mit der ersten Gelegenheit oder dem Abendbus nach Feneş zurückkehren.
Ehe wir das Ampoiu-Tal verlassen, sehen wir uns vielleicht noch ein wenig in der Nähe von Feneş um. Wir können zu den nahen Bulboace-Felsen steigen, können das äußerst malerisch zwischen Felsen gebaute Dorf Valea Mică besuchen. Im Ampoiţa-Tal gibt es eine schöne Klamm mit einer Höhle. Sie ist aber doch nicht so bemerkenswert, dass es sich lohnte, eine Fußreise von Ampoiţa aus zu investieren.
Orăştie (Broos). Das Forstunternehmen liegt am östlichen Ausgang der Stadt. Hier ist die Station der Waldbahn Orăştie – Grădiştea Muncelului, hier der Umschlagplatz für einen Teil des Holzes, das aus den Wäldern der Mühlbacher Berge (Munţii Sebeşului) kommt. Was wir hier suchen? Wir wollen uns erkundigen, wann am kommenden Morgen der erste Zug nach Grădiştea abgeht.
Und was wir in Grădiştea wollen? Es hat sich herausgestellt, dass die Ruinen von Grădiştea Muncelului (einen Teil davon kennt man schon seit Langem, aber erst in den letzten Jahrzehnten hat man hier systematisch geforscht, ausgegraben, konserviert) nichts anderes sind als die Reste der Dazierhauptstadt Sarmizegethusa (das andere, im Hatzeger Land gelegene Sarmizegethusa ist eigentlich eine römische Kolonie gewesen: Ulpia Traiana).
Zu den Ruinen von Sarmizegethusa also wollen wir, dorthin, wo Dezebal den ins Dazierland eingebrochenen römischen Legionen letzten, vergeblichen Widerstand geleistet hat – oben in den Bergen, an der Grenze zwischen Wald und Hochalm.
Vier Stunden dauert die Fahrt. Die Schmalspurbahn zieht sich den Grădiştea-Fluss entlang, dessen Quellen am 1659 Meter hohen Mühlbacher Godeanu liegen. Anfangs ist das Gelände flach (wir haben die Flussebene der Marosch noch nicht verlassen). Aber immer näher rücken die waldbedeckten Berge. Bei Costeşti sehen wir die ersten Ruinen: auf einem Hügel, der den Taleingang kontrolliert, strategisch gut gelegen, die „Cetăţuia“ („Kleine Festung“). Vor zwei Jahrtausenden bewachte hier eine mauer- und turmbewehrte Burg das Vorfeld von Sarmizegethusa.
Die Waldbahn biegt ins Tal ein. Von den zahlreichen Befestigungen auf beiden Höhenzügen, links und rechts vom Grădiştea-Fluss (die bedeutendste ist die von Blidaru), sehen wir nun nichts mehr. Bis an die Bahn heran drängt sich der dichte Laubwald. Selbst von Grădiştea Muncelului ist nichts zu sehen: es liegt zerstreut irgendwo überm Wald.
„Cetate“ heißt die Endstation. Auch sie wird nur von wenigen kleinen Gebäuden markiert. Nach einer substantiellen Rast am nahen Quell, im Schatten riesiger Buchen, steigen wir auf einem guten Pfad den Nordhang hinauf. Nach ungefähr einer halben Stunde erleben wir das Wunder von Sarmizegethusa.
Zuerst erblicken wir auf einer rechteckigen Terrasse das „Alte Große Sanktuarium“. Wo einst Säulen standen, sehen wir nur noch Sockel und Stümpfe. Wenig höher liegt das quadratisch angelegte „Neue Große Sanktuarium“. Dasselbe Bild: Sockel und Stümpfe. Abseits und ein wenig unterhalb das „Große“ und das „Kleine Rundsanktuarium“. Ein mit Quadern ausgelegter Kanal führt hangwärts. Eine Quelle rieselt aus dem Boden. Wir trinken von dem guten Wasser, das man vor zweitausend Jahren vielleicht für heilig gehalten hat. Auf einem gepflasterten Stufenweg, der die Jahrtausende gut überstanden hat, gehen wir zur Burg hinauf. Deutlich sichtbar sind die Mauerreste und auch die übrigen Anlagen, wie der „Alte Weg“ (zum Teil stammen die Anlagen von den Römern, die, nachdem sie die überlebenden Dazier verjagt und übers Land zerstreut hatten, sich in der Dazierburg breit machten).
Alles liegt im Schatten des Hochwalds. Eine große Stille liegt über den Ruinen, über den Stätten, die so viel Unglück gesehen haben...
„Cetate“ ist übrigens auch ein guter Ausgangspunkt für eine leichte Tagestour zum Şurian (Berg und See mit Schutzhütte im Herzen des Mühlbacher Gebirges mit Anschluss an die Hütten Oaşa und Obârşia Lotrului, die beide an der schweren Alpenstraße Şugag – Novaci liegen).
Nun denken wir natürlich nicht daran, in diesem Abschnitt dem Bergsteiger ans Herz zu legen, die großen Massive unserer Heimat auf den wohlbekannten, gut markierten und vielbegangenen Trassen zu „erobern“. Das wäre überflüssig und entspräche auch nicht dem Konzept unseres Büchleins. Was wir uns vornehmen, ist: dem Bergfreund anhand kleiner Erlebnisberichte zu zeigen (soweit er es nicht schon längst weiß), wie schön, wie ertragreich es sein kann, wenn man von den Bergmagistralen abweicht und das Gebirge auf Wegen erkundet, die in vielen Fällen gar keine Wege mehr sind, sondern nur vage, nicht selten bald verlorene Spuren.
Selbst einem Massiv wie den Fogarascher Bergen, wo die Kettenformation den Touristen zur klassischen Kammwanderung geradezu nötigt, können neu Aspekte abgewonnen werden. Die Aufstiege von Süden her werden immer häufiger. Der Komplex am Vidraru-See ist eine günstige Basis für derartige Unternehmen. Auch die neuen Forststraßen in den Tälern des weit auslaufenden Südhangs regen dazu an, die Urlea etwa und den Moldoveanu von Süden her anzugreifen – auf zeichenlosen Pfaden.
Im ausgedehnten Westgebirge, im einsamen Rodna-Massiv und ganz besonders im unübersehbaren Gebiet des Retezat und seiner südwestlichen Ausläufer bieten sich vielfältige, schier unerschöpfliche Möglichkeiten zu abenteuerlichen Entdeckungsfahrten.
Die Wege, die wir im Folgenden schildern wollen, die meisten zumindest, sind auf keiner Karte eingezeichnet; kein Touristenführer spricht von ihnen.
Immer höher klettert der Bus, der uns von Alba Iulia nach Întregalde führt: mitten ins Herz des Trascău-Gebirges, eines Kalksteinmassivs im südöstlichen Teil des Westgebirges. Galda de Jos, Benic, Galda de Sus, und dann nichts als Felsen und Schluchten und dazwischen verstreute Weiler, aus denen Neubauten herausleuchten: Schulen, Kulturheime, Universalläden.
Unschwer kommen wir von Întregalde an die Sehenswürdigkeiten des Trascău heran. In zwei Stunden sind wir auf dem Vf. Caprei (1211 Meter). Necrileşti, eins der schönsten Bergdörfer des Westgebirges, ist auf bequemer Straße zu Fuß in einer Stunde zu erreichen, und in einer zweiten Stunde befinden wir uns auf dem dolinenübersäten, höhlenreichen Karstplateau der Ciumerna. Den „Elefantenrücken“ der Piatra Cetii (1234) ersteigen wir nach einem Anmarsch von drei Stunden: Großartig die Aussicht auf die Nachbarmassive und auf das Marosch-Tal. Der Riesenkegel der Piatra Craivei (1080), der „Südostpfeiler des Westgebirges“, wo vor wenigen Jahren die Reste einer Dazierburg ausgegraben worden sind, kann in weniger als drei Stunden erreicht werden.
Aber: Mehr als einen Tag brauchen wir, um das schönste Stück Revier zu sehen: die Râmeţi-Klamm (Cheile Râmeţilor). Auf alten Fahrwegen und uralten Pfaden geht es ohne Anstrengung an der „Narzissenwiese“ vorbei nach Tecşeşti, einem am Fuß der Piatra Cetii gelegenen Dorf. Am Dorfausgang eine leicht ansteigende Serpentine – und wir stehen am Rand der gewaltigen Schlucht, die mit keiner anderen Klamm Rumäniens verglichen werden kann. Links bauen sich die riesigen Wände der Râmeţi-Klamm auf, rechts hinten bleckt die Piatra Râmeţilor ihre grauweißen Drachenzähne. Wir steigen in den schattigen Schlund. Einige hundert Schritt lässt die Klamm herein, dann aber versperrt uns das Wasser des Geoagiu-Bachs den Weg. Ein mächtiger Torbogen wölbt sich über das Wasser von Wand zu Wand. Aber die Fluten sind tief und eiskalt. Zurück: zur Râmeţ-Hütte am Fuß der Piatra Râmeţilor. Und hinauf: zur Hochstraße, wo uns ein Bus aufnimmt und über Râmeţ nach Brădeşti bringt. Und wieder hinunter: nach Cheia, einem Dörfchen am oberen Ende der großen Schlucht. Steile Felswände umfassen die kleine Siedlung von allen Seiten.
Eine „heroische Landschaft“ – und doch schöner als auf dem berühmten Gemälde Pousins: wirklich und echt.
Eine „homerische Landschaft“ – und tatsächlich: Auf dem Heimweg nach Întregalde entdecken wir die Höhle des Polyphemos und die Hürde und die Schafe davor. Und es ist, als müsste jeden Augenblick der geblendete Zyklop brüllend vor Schmerz am Höhleneingang erscheinen...
Es dürfte kein zweites Hochgebirge unserer Karpaten geben, in dem sich der Hauptgipfel so weit vorwagt: In weniger als fünf Stunden ist der Pietrosu (2303 Meter) von Borşa aus bequem zu erreichen.
Mit leichtem Gepäck geht es in der Morgenfrühe über den gemütlichen Ausläufer des „Picioru Mşului“ dem Pietrosu zu. Blau wölbt sich der Himmel, und bläulich zittert das Licht in den Tannen und Felsen. Bei der Wetterwarte („Casa Meteorului“) betreten wir den Pietrosu-Kessel, in dem noch reichlich Schnee liegt. Aus dem „Gabelfrühstück“ am Pietrosu-See wird ein regelrechtes Mittagsmahl; wir wissen nicht, ob wir so bald wieder Wasser finden. Und der Pietrosu ist nicht das einzige Vorhaben dieses Tages. Wir trinken aus dem klaren See und füllen die Feldflaschen. Brennend kalt ist das Wasser. Um Felsblöcke herum, über Schieferschutt und Schneezungen zieht sich der Weg seine Schleifen den jähen Hang hinan: immer steiler der Pfad, immer kürzer die Serpentinen, immer häufiger die Verschnaufpausen. Am Wegrand blühen trostreiche Blumen: Alpenrosen und Enzian. Noch ehe wir den Kamm erreichen, erblicken wir im Osten da Gipfelgedränge Puzdrele – Anieşul – Galaţi – Gărgălău und dahinter, in vornehmem Abstand, den 2280 Meter hohen Ineu (das „Kuhhorn“).
Es will uns den ohnehin fliegenden Atem verschlagen, als wir nach eineinviertelstündigem Steilstieg auf dem Gratsattel des Pietrosu stehen. Vor uns, im Süden, ganz nah, richtet sich ein grauer Riese auf: die Rebra, mit ihren 2269 Metern die dritthöchste Spitze des Massivs. Mehr als ihre Gipfelwucht beeindruckt uns die Kluft, die sich zwischen uns und ihr auftut. Wie ungern wir doch auf jedes hart erkämpfte Meter Höhe verzichten, wenn auf der anderen Seite das Lied von vorn beginnen soll! Wie wir doch manchmal mit dem schwer erworbenen Höhenkapital wuchern, Zinsen herausschlagen und unser eigenes Bergsteigerschicksal überlisten möchten!
In ein paar Sätzen sind die letzten Dutzend Meter bis zur
Pietrosu-Spitze genommen. Welch eine Ruhe uns hier, auf dem Scheitel
des schönsten und höchsten Gebirges der Ostkarpaten, mit einem Mal umgibt! Vergessen sind alle „Kapitalsorgen“, und wir dürfen uns ganz der reinen Freude des Schauens hingeben. Zu sehen gibt es an diesem glasklaren Mittag genug: Bis zu den Gutiner Bergen, bis zu den ukrainischen Beskiden, bis zu den Waldkämmen der Bukowina reicht der Blick. Am meisten berührt uns das selbst für unsere formenreichen Karpaten einmalige Visavis der Massive Rodna und Maramuresch. Aug in Aug stehen sich die Recken gegenüber. Der Wischauer Graben, wenige Kilometer breit, hält sie auseinander. Aber irgendwo im Osten, beim Prislop-Pass, reicht man sich die Hände... Köstlich ist jede Einzelheit dieses Riesengemäldes. Wie beim Betrachten Bruegelscher Bilder freut man sich bei jeder neuen Entdeckung: im Latschenfeld die Wetterwarte, weiße Kalksteinkronen, da und dort aus dem Schiefer herausleuchtend, ein Zug, der eben gegen Wischau fährt, eine Holzbrücke über den Fluss im Tal, Tagebaue hoch über Baia Borşa, bläuliche Rauchsäulen, die kerzengerade aus dem Wald steigen und vom rastlosen Tun der Menschen zeugen...
Die Rebra ist kein Luginsland wie der Pietrosu. Was sie uns jedoch bietet, ist wertvolles alpines Detail: felsdurchbrochene, mit rosarotem Rhododendronpastell behauchte Steilhänge, terrassenförmig übereinandergebaute Gletschermulden mit blitzenden Meeraugen, riesige, vom Rauschen der Wasser durchzogene Talgründe, und überall, nach allen Seiten hin, Gipfel, Gipfel.
Etwa dreißig Bergseen gibt es im Rodna-Gebirge. Der größte Teil davon liegt in der Nähe des Pietrosu und der Rebra. Das Buhăescu-Trio, das wir beim Übergang zur Rebra an der Ostflanke des Berges entdecken, erinnert an die oberen Seen des Bucura-Systems im Retezat. Auch sie sind stufenartig angelegt und miteinander durch Wasserstürze verbunden. Eins der drei Meeraugen hat blaue Wimpern: Schnee ist ins Wasser geglitten und hat die blaugrüne Farbe des Sees angenommen. (Es ist bekannt, dass die Blaufärbung der Karseen auf die Absorption der langwelligen infraroten Strahlen zurückzuführen ist; die blauen und ultravioletten Strahlen werden nur zum Teil absorbiert.)
In durchschnittlich zweitausend Meter Höhe stoßen wir weit nach Süden zur Repedea (2077) vor. Aber die Sonne sticht verdächtig. Und tatsächlich: Über unsern Köpfen braut sich was zusammen. Ein scharfer Wind erhebt sich. Wolken verdecken die Sonne, verhängen die Gipfel. Schon knallt der erste Donner mit zehnfachem Widerhall an die Kessel. Einem Sturzflug gleicht unser Abstieg ins Repadea-Tal. Den zunehmenden Luftdruck spüren wir im Blut. Gut, dass der Regen, der uns doch noch erwischt, für Kühlung sorgt. Abwärts geht der Weg nun, über rutschigen Waldhang, brausende Bäche, umgestürzte Baumstämme: stundenlang. Als wir das Dorf Gura Repedei erreichen, hat sich das Unwetter grollend verzogen, und in Borşa glühen die Ziegeldächer schon im Abendschein.
Von Fântâna (Borşa-Komplex) fahren wir am Morgen mit dem Bus die Waldserpentinen bergan zum Prislop-Pass (1414). Schon für den herrlichen Rundblick lohnt es sich heraufzukommen. Groß und greifbar nah: der Ineu.
Alphornklänge locken uns zur nahen Hirtenhütte. Freundlich empfängt uns der junge „baciu“, der Senn. Bereitwillig hebt er den zwei Meter langen „tulnic“ von neuem an den Mund, bläst mit vollen Backen und lässt seine melodischen „Wackler“ hoch über die Tannenwipfel steigen. Wie er uns sagt, spielt er nicht allein um der Kunst willen: Mit dem „tulnic“ ruft er die Hirten, die droben auf den Ştiol-Almen die Herden hüten. Ein kurzer Aufstieg, und wir sind auf dem Ştiol (1612). Zu unserer Linken rauscht die Bistritz, die hier noch nicht die „Goldene“ heißt. Der beherrschende Berg in diesem Abschnitt ist der 2159 Meter hohe Gărgălău, ein breitschultriger Kämpe. Jung und rosig kommt er uns vor. Das machen die Alpenrosen. Manchmal scheint es uns, als wehte der Wind den süßen Kümmelgeruch heran. Aber das ist wohl Einbildung.
Poiana Ştiol: Wo wir auch hinsehen überall weiden Rinder. Schöne, saubere Tiere. Wir fragen einen jungen Hirten nach dem See. Er weist hinauf: Dort, am Fuß des Gărgălău. Und die Quellen der Bistritz? Ebendort.
Geschlagene zwei Stunden verbringen wir am stillen See. Durch dichte Rhododendronfelder stapfen wir zum Gărgălău-Sattel auf dem großen Kammweg. Und dann der Gărgălău selbst: Gibt es im Rodna-Massiv noch einen ähnlichen Berg, der so sehr das Gefühl des In-der-Mitte-Seins auslöst? Nicht losreißen können wir uns von den Bildern dieses Nachmittags. Ein schwarzes Ungewitter aber, das sich über dem Prislop-Pass zu entladen scheint, hilft uns auf die Beine. Als wir im Quer-durch-Marsch wieder durch die Alpenrosenfelder waten, werden wir uns noch einmal des Sinns eines schönen Namens bewusst: Almrausch...
Nach zweistündigem ununterbrochenem Abstieg ziehen wir unterm Muntele Cailor an der großen Kaskade vorbei. Eine Stunde später betreten wir die Hütte gerade in dem Augenblick, da das Donnerwetter losbricht.
Von Fântâna begeben wir uns auf Kundfahrt in das kleine, im Norden gelegene Kalksteinmassiv des Cearcănu (1849). Wir frühstücken auf der Preluca Mărului bei einem jungen Forstarbeiter, der ein Häuschen und vier blauäugige Kinder (lauter Mädchen) sein eigen nennt. Er spendiert uns zwei Flaschen Mineralwasser und rät uns, ins Cercănel-Tal einzuschwenken (wo wir übrigens aus dem „borcut“, dem Sauerbrunnen, trinken können) und von dort über den Podu Cearcănului, einem, wie er sagt, „wunderbaren“ Hochplateau, zur Cearcănu-Spitze zu wandern.
Wir werden des Mannes noch lang gedenken. Nicht so sehr wegen des Sauerbrunnens, wo wir das prickelnde Getränk frisch vom Zapfen trinken, sondern weil er uns die Bekanntschaft mit einer höchst seltsamen geologischen Erscheinung vermittelt hat. Ein sanfter Waldweg führt uns zu den Hochwiesen, wo uns Hirten den Zugang zum Plateau zeigen. Ein steiles Stück Tannenwald ist noch zu schaffen. Dann stehen wir auf dem „Aufboden“ (oder der „Brücke“?) des Cearcănu, einer großen und, wie uns scheint, kreisförmigen Platte mit ringsum jäh abfallenden Kalksteinwänden. Nun steht auch der Cearcănu vor uns. Aber um dahin zu gelangen, müssen wir den Aufboden wieder hinunterklettern, und das ist nicht einfach, denn anscheinend gibt es hier nur eine einzige „Bodenstiege“.
Auch der von Türmen und Basteien geschützte Cearcănu fordert seinen Schweißtribut. Oben aber winkt reichlicher Lohn: die spektakuläre Aussicht auf den Rodna-Nordhang und, als substantielle Draufgabe, der Einblick ins erzhaltige Toroiaga-Massiv. Zweieinhalb Stunden dauert der Rückweg über den fast schnurgerade zur Hütte auslaufenden Cearcănu-Kamm.
O, es gibt schönere und bessere Wege zur Buta-Hütte (Retezat-Süd) als den mit der neuen Forststraße kombinierten Eselspfad über die Gâlma cu Fagi. Es gibt den Weg durch das Scorota-Tal.
Câmpu lui Neag: Reine Morgenbläue verspricht einen guten Tag. Im Luftzug der kühl-düsteren Scocu-Mare-Klamm wippen goldgelbe Arnika-Köpfe.
Câmpu Mielului: Weit tut sich die „Lammwiese“ auf. Die erste Gämse, nein: eine ganze Gemsherde, im mannshohen Gras zwischen den grauweißen Felsen am Pleaşa-Hang.
Gura-Scoroţii: Nun beginnt der Aufstieg im Scorota-Tal. Es ist nicht schlimm. An der „Biserică“, die eher einer Bastei gleicht als einer Kirche, begegne ich dem ersten Hirten – und halte meinen ersten „geologischen Diskurs“. Thema: Warum im Kalksteingebirge, in den „weißen Bergen“, in nächster Nähe der großen „Wasserburg“ des Zentralmassivs, Quellen so rar sind. Das Thema ist dankbar und der Hörer sichtlich auch.
Scorota Seacă: Das trockene Tal bleibt links liegen. Aber auch die Scorota cu Apă führt hier kein Wasser mehr. Den Durst stillen Sauerklee und kühle Erdbeeren, die im Schatten silbergrauer Buchen wuchern.
Zurück tritt der Wald. Fächerförmig öffnet sich das Tal. Wasser rauscht. Wasser, das ich von nun an nicht mehr entbehren werde. Auf der Alm, zwischen Felsen, Tannen und Latschen, weiden sorglos, als gäbe es weder Wölfe noch Bären, blitzsaubere Jungrinder. In der Scorota-Hütte bestätigt die Sennin: Der Bärenappetit ist noch immer groß...
Höher geht es. Ohne Weg: durch die Scoaba Piule zum „grünen Sattel“ (1935 Meter). Ein Gewitter zieht auf. Schon kracht es in den Kesseln. Schon prasselt der Regen auf die Latschen nieder. Nebelrauch füllt die Felsentäler. Schon verzieht sich das Wetter: westwärts. Und vergrollt irgendwo über dem Cerna-Tal.
Als ich die Drăgşanu-Spitze (2080) erreiche, ist der Himmel blankgefegt. Drăgşanu: erster Blick hinüber, ins Reich der grau-granitnen Gipfelriesen Judele, Bucura, Peleaga, Păpuşa, Custura. Trostreiches Wiedersehn: Freunde, ihr seid da. Seid die gleichen geblieben.
Es stimmt nicht. Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss – lehrt Heraklit. Wir steigen auch nicht zweimal auf denselben Gipfel.
Vf. Custurii: mit 2457 Metern vierter im Retezat, von der Buta-Hütte unschwer zu erreichen. Im großen H der Hauptgipfel des Massivs ist er der südöstliche Pfeiler. Von ihm geht die Gruniu-Kette aus, die vielleicht schönste Gipfelreihe im Retezat. Nach vier Jahren stehe ich wieder auf seinem grauen Haupt. Das Bild ist das gleiche geblieben: im Süden das Obertal des Westlichen Schil mit seinen unermesslichen Wäldern, im Osten das Auf und Ab der Gruniu-Zweitausender, im Norden, über dem Râu-Bărbat-Tal, und im Nordwesten der vertraute Aufbau mit dem Kernstück Peleaga-Păpuşa. Und doch: Wo ist die Steinpyramide hin, die noch vor vier Jahren dastand, hier auf dem Gipfel, als wäre sie für die Ewigkeit gebaut? Welche Gigantenfaust hat hier dreingeschlagen, dass nun die Blöcke zerbrochen und zerstreut herumliegen? Ist es das Werk der Blitze, der Donnerkeile des Sfântu Ilie, wie die Hirten sagen?
Ich trete an den Gipfelrand: blau lockt der Große Custura-See. Auch er: einer der Großen im Retezat. Aber der Höhe nach (2270 Meter) ist er in unsern Karpaten der erste. Noch ein Höflichkeitsbesuch, noch ein Austausch von Erinnerungen auf dem Vf. Valea Mării (Valea Măriei: 2382), und hinunter geht es zu den Custura-Ciumfu-Seen. Abschüssig ist der Hang, locker das Gestein. Ein ausgedehntes Schneefeld, allzu geneigt, wird auf bewährte Bergsteigermanier überquert: Auf meiner Windjacke schlitte ich zu den zyklopischen Brocken, die den großen See einfassen.
Nichts rührt sich hier. Hoheitsvoll spiegeln sich Gipfel und Grate im See. Nur die Schatten rasch ziehender Wolken bringen Bewegung ins Bild. Eine Musik, die von weither kommt (die Wasserfälle des Ciumfu), bringt etwas vom Mozartschen Duft der Alpenrosen mit. Die Alpenrosen sind hier noch frisch und in voller Blüte.
Kein besserer Weg aus dem Riesenkessel heraus als über die felsige Nordwestflanke der Custura. „Weg“ ist zuviel gesagt. Der Ausstieg fordert Schweiß. Aber: Rückblicke prägen sich ein – für immer.
(Verlag Neuer Weg, Bukarest - Komm Mit 70, S. 130 – 178)
| Seite | Bildunterschrift |
|---|---|
| 130 | ohne Titel |
| 131 | „Tor des Kusses“ ist eine lahme Übersetzung für das, was Brâncuşi „Poarta sărutului“ genannt hat. |
| 132 | Kartenskizze |
| 141 | Ohne Titel |
| 143 | Romanischer Stil: die Kathedrale von Alba Iulia. |
| 147 | Für modernes Städteplanen und Straßenbauen kennzeichnend: Ploieşti, Südeinfahrt. |
| 148 | Kartenskizze |
| 150 | Die Bicaz-Serpentinen am „Höllenschlund“. |
| 152 | Suceava: Die Ruinen der „uneinnehmbaren“ Stefansburg. |
| 153 | Kartenskizze |
| 155 | ohne Titel |
| 156 | Moderner Hotelbau in Galatz. |
| 157 | Der „Hahnenkamm“ („Creasta Cocoşului“) ist im vulkanischen Gutin-Gebirge die bedeutendste geologische Erscheinung. Großartig ist die Aussicht von hier: Man überblickt das schöne Oascher Land, die Gutin-Kette, die Vulkankegel des Ţibleş. Leicht zu erreichen ist der „Hahnenkamm“ vom Gutin-Sattel aus: „Brunnen des Heiducken Pintea“ („Izvorul lui Pintea“). Ein anderer Aufstiegsweg geht von der Schutzhütte Mogoşa am Bodi-See aus. |
| 158 | ohne Titel |
| 159 | Kartenskizze |
| 160 | ohne Titel |
| 161 | Der Arieş im Abschnitt Câmpeni. |
| 162 | Eine Bergruine, ein ruinierter Berg: die „Römische Burg“ von Roşia Montană. |
| 164 | Kartenskizze |
| 165 | Bei Costeşti, am Rand des ausgedehnten ehemaligen Befestigungssystems von Sarmizegethusa, ist eine Schutzhütte eingerichtet worde. |
| 167 | ohne Titel |
| 168 | Das „Portal“ in der Râmeţi-Klamm. |
| 170 | Bildwerke der Natur dürfen wir die seltsamen, nicht selten auch grotesken Felsgestalten nennen, denen wir in den Bergen so oft begegnen: „Alten Weibern“, „Sphinxen“, „Eulen“, „Hörnern“, „Nadeln“ und anderen bizarren Formen. Nicht nur in den Kalk- und Konglomerat-Massiven treffen wir die merkwürdigen Gebilde an: im Butschetsch, im Krähenstein. Auch im kristallinen Schiefer, im vulkanischen Andesit und selbst im harten Granit kommen sie vor: im Fogarascher Gebirge, im Căliman und im Retezat. |
| 171 | Wer kennt sie nicht: die „Babele“ an der gleichnamigen Hütte und, nicht weit davon, die ebenso berühmte „Sphinx“ des Butschetsch? Wer kennt nicht die „Nadel der Kleopatra“ vom Negoiu (Bild links oben), die Bratocea-Sphinx (Bild links unten)? Weit weniger bekannt ist das Horn vom Ineu (Bild rechts oben), das freilich mit dem eigentlichen Kuhhorn nichts zu tun hat. Aber hat noch jemand in der Nähe der „Babele“ das seltsame „Liebebspaar“ (Bild rechts unten) entdeckt – außer dem Fotografen? |
| 172 | Kartenskizze |
| 173 | Karikatur: „Da fällt mir grade ein: Haben wir daheim alle Wasserhähne abgestellt?“ |
| 174 | Kartenskizze |
| 175 | Der Ştiol-See: das Becken, in das sich das Wasser der Bistritzquellen ergießt. |
| 176 | Kartenskizze |
| 177 | So gut wie unbekannt: der Peleguţa-See an der Südflanke der Peleaga. |
| 178 |
Unweit vom Şesele-Gipfel, im Naturschutzgebiet des Retezat,
liegt Rumäniens tiefster (oder zweittiefster?) Bergsee: der
Tău Negru.
Mit siebeneinhalb Hektar gehört er auch zu den größten „Meeraugen“ der Karpaten. |